Droht ein Verbot der Anwendung antibiotischer Wirkstoffe bei unseren Patienten?

In letzter Zeit werden wir häufig gefragt, ob es zu einem Verbot der Anwendung von Antibiotika bei unseren Patienten kommen kann und ob es sinnvoll sei, sich einen Vorrat anzulegen.

Hintergrund ist hierfür wohl die Kampagne, die derzeit durch den bpt ("Bundesverband praktizierender Tierärzte e.V.") lanciert wird und der sich offensichtlich einige Praxen angeschlossen haben.
Im Rahmen einer Unterschriftenaktion (über die Effizienz solcher Aktionen kann gesondert diskutiert werden) soll das (Zitat) drohende EU-Antibiotikaverbot für Tiere" verhindert werden.

Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich dieser Artikel auf die Situation in der sogenannten "Kleintierpraxis", wie auch immer man das definieren möchte, bezieht. Von Großtiermedizin haben wir wenig bis keine Ahnung und können und wollen uns daher auch nicht hierzu äußern.

Aus unserer Sicht sind die hier verbreiteten Informationen und Handlungsaufforderungen jedoch nicht angemessen. Die Hintergründe und unsere Einschätzung der Situation würden wir gerne hier darlegen:

Was ist die Ursache für diese Aktion?

Die EU hat die Tierarzneimittelverordung 2019/6 verabschiedet. In dieser ist festgelegt, welche Antibiotika künftig für die Tiermedizin zugelassen sein sollen.

Mit "Zulassung" ist hier die Zulassung von Präparaten speziell für Tiere gemeint. Das heißt, es geht darum, ob ein Präparat, beispielsweise mit den Wirkstoffen Amoxicillin und Clavulansäure, für Tiere durch den Hersteller auf den Markt gebracht werden darf.

Von einem Anwendungsverbot ist jedoch nicht die Rede, dies ist gesetzlich auch jetzt schon anders geregelt.

Wie ist das zur Zeit gesetzlich geregelt?

Derzeit dürfen Antibiotika, wie auch andere verschreibungspflichtige Medikamente, durch uns nur dann abgegeben oder verschrieben werden, wenn dies im Einzelfall für einen von uns behandelten Patienten notwendig ist. Auch in diesen Fällen darf nur so viel abgegeben oder verschrieben werden, wie für den Behandlungsfall voraussichtlich erforderlich ist.

Prinzipiell müssen zunächst die Medikamente verwendet werden, die für die betroffene Spezies und Indikation zugelassen sind. Ist ein solches nicht verfügbar oder eine Behandlung damit nicht sinnvoll, kann auf Medikamente, die für andere Spezies zugelassen sind, ausgewichen werden. Sind auch solche Medikamente nicht verfügbar, dürfen Medikamente aus der Humanmedizin verwendet werden. Das Ganze nennt sich "Kaskadenregelung" und verpflichtet den Arzt dazu, zunächst zu prüfen, welches Medikament am ehesten indikationsgemäß zugelassen ist, und wenn ein anderes Medikament verwendet wird, zu begründen, warum er dieses einsetzt (und nicht das für Tierart und Indikation zugelassene).

Cui bono?

Darüber kann man streiten. Ob sich die Sicherheit in der Anwendung von Arzneimitteln erhöht, wenn die Katze ein für Katzen zugelassenes Präparat bekommt, bleiben wir beim Beispiel mit Amoxicillin/Clavulansäure, statt eines aus der Humanmedizin mit exakt den gleichen Wirkstoffen, das nur im sogenannten "Therapienotstand" angewendet werden darf, mag der Leser für sich selbst beantworten. Die derzeitige rechtliche Situation sieht dies jedoch genau so vor.
Tatsache ist jedoch, dass die tiermedizinischen Medikamente wegen der hierfür erforderlichen separaten Zulassung und dem deutlich kleineren Markt bei der Zulassung eigentlich unnötige Tierversuche erfordern und deutlich teurer sind als die teils jahrzehntelang (also vor der Einführung der entsprechenden tiermedizinischen Präparate) etablierten humanmedizinischen Medikamente.
Noch fragwürdiger wird diese Regelung dadurch, dass teilweise ein Präparat mit exakt demselben Inhalt von demselben Hersteller sowohl für Tiere als auch für Menschen vermarktet wird. Der Unterschied könnte (es ist wahrscheinlich) nur darin bestehen, dass auf die Arzneimittelflaschen, die vermutlich sogar aus derselben Charge befüllt werden, in dem einen Fall - hier nur als Beispiel - das Etikett "Lasix" geklebt wird, auf die anderen Arzneimittelflaschen das Etikett "Dimazon".
Der Inhalt ist derselbe, beide Präparate enthalten den Wirkstoff Furosemid in derselben Konzentration. Der Hersteller ist derselbe. Verwendet werden muss durch uns Mediziner für "nichtmenschliche Patienten" jedoch von Gesetzes wegen die Flasche mit dem Etikett "Dimazon". Verwenden wir das günstigere Lasix, verstoßen wir gegen das Arzneimittelrecht, auch wenn dies jahrzehntelang, solange es noch zulässig war (und Dimazon noch nicht auf dem Markt) Usus war.
Der Unterschied: Dimazon ist teurer. Wer vor allem davon profitiert, kann sich der Leser selbst ausrechnen. (Kleiner Hinweis: unsere Freude hält sich in Grenzen, wenn die Industrie freudig annonciert, es sei ein Medikament "nun endlich mit der Zulassung für Tiere" auf den Markt gebracht worden...)

Was ist nun geplant?

Die Verordnung sieht vor, dass für bestimmte antibiotische Wirkstoffe keine "Veterinär"zulassung mehr erteilt werden soll. Dies betrifft z.B. Wirkstoffe wie Cephalosporine neuerer Generationen.

Ist das dann ein Anwendungsverbot?

Nein!
Auch jetzt sind viele Wirkstoffe nicht "für Tiere" zugelassen, d.h. es existieren keine "Tierpräparate". Wenn jedoch nachweisbar ist, dass der Patient diesen Wirkstoff benötigt, beispielsweise durch ein Antibiogramm (sogenannter "Therapienotstand"), darf auch ein Humanpräparat verwendet werden. Daran ändert sich auch durch diese EU-Verordnung nichts. Einzelpatienten dürfen auch bei Umsetzung der EU-Verordnung in deutsches Recht weiter mit antibiotischen Wirkstoffen behandelt werden.

Warum dann die ganze Aktion?

Darüber kann nur spekuliert werden...
Vermutlich (eher: ziemlich sicher) hat die EU-Verordnung Auswirkungen auf die Anwendung antibiotischer Wirkstoffe in der kommerziellen Tierhaltung. Hier werden antibiotische Wirkstoffe häufig prophylaktisch eingesetzt, oder auch Individuen behandelt, die überhaupt nicht erkrankt sind, weil die sog. "Bestände" so groß sind, dass die Behandlung einzelner Individuen wohl unwirtschaftlich bis ohnehin unmöglich wäre. Aber wie gesagt, in diesen Bereichen beschränkt sich unsere Kenntnis auf die zwangsweise im Studium vermittelten und im Examen sehr unwillig zur Erlangung der Approbation wiedergegebenen Inhalte; praktische Erfahrung besteht hier nicht.

Eine logische Hypothese wäre, dass die Industrie (hier sind u.a. sogenannte "Tierproduzenten", Hersteller von "Lebensmitteln tierischen Ursprungs" als auch Pharmakonzerne gemeint) sich bedroht fühlt; Halter von Heimtieren zu mobilisieren mit dem Claim "Mein Leben ist in Gefahr" und einem traurig in die Kamera blickenden Hund scheint wohl primär darauf abzuzielen, Panik zu verbreiten und Unterschriften zu generieren. Ob diese Unterschriften tatsächlich Spezies wie Hund, Katze, Maus, Ratte u.a. (oder auch sog. "Nutz"tieren) zugute kommen würden, sei dahingestellt. Private Meinung: wohl eher nicht - ich denke eher an Bankkonten und Portemonnaies als Profiteure.

Ist nun die Behandlung unserer Patienten gefährdet?

Auch wenn natürlich niemand exakt voraussagen kann, wie die Verordnung ausgelegt werden wird - das ist oft auch regional ziemlich unterschiedlich, letztendlich werden alle Praxen regelmäßig von der entsprechenden Aufsichtsbehörde kontrolliert, und die Kriterien scheinen sich regional doch erheblich zu unterscheiden - so dürfte die Versorgung unserer Patienten, also von Einzelindividuen, die als "Kleintier" eingestuft werden, nicht in Gefahr sein.
Für die behandelnden Ärzte könnte sich ein bürokratischer Mehraufwand ergeben. Es gibt jedoch keinen Grund, in Panik zu verfallen.

Hat diese Verordnung vielleicht auch positive Aspekte?

Möglicherweise ja.
Derzeit werden mitunter sehr kritiklos auch bei sog. "Kleintieren" Antibiotika eingesetzt, die vor allem bequem sind. Es gibt viele uns bekannte Fälle, in denen Patienten, die beispielsweise problemlos mit älteren (aber genauso wirksamen) Antibiotika behandelt werden könnten, ein Cephalosporin einer sehr neuen Generation bekamen, weil es "bequem" ist. Ein Beispiel: Wirkstoff Cefovecin, der Handelsname lautet "Convenia" - wohl von lat. "convenire" abgeleitet.
Hauptcharakteristikum dieses Cephalosporins ist, dass es nur einmal injiziert werden muss und dann über mehrere Tage bis Wochen wirkt. Der Vorteil ist, dass der Patientenhalter keine weiteren Medikamentengaben vornehmen (lassen) muss. Der Nachteil ist, dass ein Cephalosporin einer neuen Generation häufig in Fällen verabreicht wird, in denen dies nicht notwendig ist - mit dem Risiko einer unnötigen Resistenzbildung. Nicht zu vergessen ist, dass es ähnlich wie bei Penicillinen auch Unverträglichkeiten gegen Cephalosporine gibt. Wenn nun ein Patient Unverträglichkeitsreaktionen entwickelt, ist es sehr schwierig, ein "Depot"präparat (d.h. ein Präparat, das über mehrere Tage bis Wochen im Organismus verbleibt, wie eben Cefovecin) zu entfernen, wenn sich herausstellt, dass der Patient es nicht verträgt. Bei täglicher Gabe von Tabletten o.a. kann sofort, wenn festgestellt wird, dass der Patient das Medikament nicht verträgt, reagiert werden.

Es stellt sich daher die Frage, aus welchem Grunde der Hersteller für dieses Präparat keine Humanzulassung beantragt hat. Möglicherweise wäre genau wegen der langen Wirkdauer eine solche nie erteilt worden, denn im Falle einer Unverträglichkeitsreaktion ist es unter Umständen entscheidend, wie schnell die Substanz vollständig aus dem Körper eliminiert werden kann. Zudem ist dieses Präparat, wenn es einmal resuspendiert (also die gelieferte Trockensubstanz wieder aufgelöst) wurde, nur kurz haltbar, was zudem einen Anreiz setzt, den Rest des nicht gerade billigen Präparats bei weiteren Patienten zu verwenden - auch wenn andere Wirkstoffe ebenso einsetzbar gewesen wären.

Wenn also diese Verordnung dazu führt, dass die Verwendung solcher Präparate wie oben an einem Beispiel erläutert, die oft nur schwer nachvollziehbar ist, eingeschränkt wird, könnte dies auch für alle potentiellen Patienten - damit sind alle Spezies gemeint - als positiver Nebeneffekt durchaus nützlich sein.

Darüber hinaus ist es sicherlich auch hilfreich, grundsätzlich über die sog. "Nutztierhaltung" nachzudenken und sich eine eigene Meinung darüber zu bilden, ob es unbedingt notwendig ist, "Fleisch, Eier, Milch (etc. pp.)" möglichst billig zu produzieren und zu konsumieren.